Vortragsreihe

Die einzelnen Daten:

– 02.11. | 18 Uhr | „FAU in Jena und Plauen: Eine andere Gewerkschaft ist möglich“ | Jugendherberge Alte Feuerwache, Neundorfer Straße 3, 08523 Plauen
– 14.11. | 18 Uhr | Crimethinc.: „Work“ | Infoladen im Projekt Schuldenberg Plauen, Thiergartner Straße 4, 08527 Plauen
– 22.11. | 18 Uhr | Peter Nowak: „Gegen die Lohnarbeit – für die Rechte der Arbeiter*innen. Wie passen Arbeitskritik und gewerkschaftliche Organisierung zusammen?“ | Malzhaus, Alter Teich 7, 08527 Plauen
– 29.11. | 18 Uhr | Lothar Galow-Bergemann: „Arbeit macht unfrei. Zum Zusammenhang von Arbeitsfetisch und Antisemitismus“ | Eckladen der sozialen Kunst, Pestalozzistraße 57, 08523 Plauen
– 08.12. | 17 Uhr | Daniel Kulla: „Betriebsbesetzungen in Argentinien, anderswo und hier“ | Projekt Schuldenberg Plauen, Thiergartner Straße 4, 08527 Plauen
– 20.12. | 18 Uhr | FAU München „Das Geschäft mit der Gesundheit macht uns krank: ArbeiterInnenkämpfe im Krankenhaus“ | Jugendherberge Alte Feuerwache, Neundorfer Straße 3, 08523 Plauen.

Zur Vortragsreihe

Arbeit ist längst ein gesellschaftlicher Kampfbegriff. Während angeblich „sozial ist, was Arbeit schafft“, werden Menschen im Kapitalismus gezwungen, zu immer unhaltbareren Zuständen jede erdenkliche Lohnarbeit anzunehmen. Klar ist scheinbar allen: Wer nicht arbeitet, hat es nicht verdient, zu (über)leben. Kritische Stimmen müssen sich mit dem Totschlagargument auseinandersetzen, sie seien „arbeitsscheu“. Unterdessen ist unsere kapitalistische Welt derart produktiv geworden, dass immer mehr Menschen aus dem Kreislauf der Produktion ausgeschlossen werden. Und wie sieht unsere Rolle als Gewerkschaft dabei aus? Sollen wir „mehr Arbeit“ fordern, „kürzere Arbeit“ propagieren oder „bessere Arbeitsbedingungen“? Ist „die Arbeit“ als solche das Problem und gehört abgeschafft? Wie können wir theoretische Kritik üben, praktisch intervenieren und wie geschieht dies bereits? Mit diesen Fragen wird sich die Veranstaltungsreihe in sechs Vorträgen vom 02.11. bis zum 20.12. in Plauen auseinandersetzen.

Die einzelnen Vorträge:

– 14.11. | 18 Uhr | Crimethinc.: „Work“ | Infoladen im Projekt Schuldenberg Plauen, Thiergartner Straße 4, 08527 Plauen

Warum müssen wir, trotz all des technischen Fortschritts, immer mehr arbeiten? Warum werden wir – im Gegensatz zu unseren Bossen – trotzdem immer ärmer? Warum sorgen sich die Leute um ihre Jobs und den Zusammenbruch der Wirtschaft, obwohl kaum jemand seine / ihre (Lohn-)Arbeit mag? – Um diese und eine ganze Menge weiterer Fragen beantworten zu können, musste CrimethInc., das dezentral organisierte lose Kollektiv mit Wurzeln in der Hardcore- und Anarcho-Punk-Szene Nordamerikas, düstere Teile der Geschichte studieren und endlose Aufzeichnungen darüber vergleichen, wie Ausbeutung im alltäglichen Leben erfahren wird. Doch dann gelang es ihm, eine ›große vereinheitlichte Feldtheorie über den aktuellen Kapitalismus‹ auszuarbeiten …

– 22.11. | 18 Uhr | Peter Nowak: „Gegen die Lohnarbeit – für die Rechte der Arbeiter*innen. Wie passen Arbeitskritik und gewerkschaftliche Organisierung zusammen?“ | Malzhaus, Alter Teich 7, 08527 Plauen

Kann man als Linke, die für die Aufhebung der Lohnarbeit kämpft, Beschäftigte beim Kampf für den Erhalt ihrer Arbeitsplätze unterstützen? Diese Frage hören linke Gewerkschafter_innen öfter. Auf der Veranstaltung begründet der Journalist Peter Nowak, warum das möglich ist. Die Arbeit einer Basisgewerkschaft zielt auf die Selbstorganisation der Klasse und die Verbesserung ihrer Arbeits- und Lebenssituation. Dazu gehört neben mehr Lohn auch die Verkürzung der Arbeitszeit und der Kampf gegen Entlassungen. Denn hier und heute würde das nicht das schöne Leben sondern ein Leben unter dem Hartz IV-Regime bedeuten. Das hat aber nichts zu tun mit der Verherrlichung der Lohnarbeit, wie sie sowohl in großen Teilen der sozialdemokratischen DGB-Gewerkschaften als auch im Stalinismus gepflegt wurde und wird. Peter Nowak wird in einem historischen Exkurs aufzeigen, dass es in der Geschichte der Arbeiter*innenbewegung und der Gewerkschaften schon immer diese zwei Strömungen gab. Eine aus den Zünften herrührende Verherrlichung der Arbeit, die reguliert und kontrolliert werden sollte. In dieser Tradition gab es auch immer wieder Versuche, die Zahl der Arbeiter*innen durch Ausschlüsse von Frauen und Lohnabhängigen aus anderen Ländern klein zu halten. Dem gegenüber stand die linke Strömung in der Arbeiter*innenbewegung, die in den Gewerkschaften, Kampforganisationen für die Verbesserungen der Lebens- und Arbeitsbedingungen aller Lohnabhängigen ohne Konzessionen an Staat und Nation sieht. Sie wendet sich gegen die Verherrlichung der Lohnarbeit sondern kämpft für eine Gesellschaft, in der diese überflüssig wird.

Peter Nowak ist Mitglied der FAU und schreibt als freier Journalist u.a. für die Jungle World, Konkret und Telepolis. Im Verlag Edition Assemblage hat er mehrere Bücher zum Widerstand von Erwerbslosen, Lohnabhängigen und Mieter*innen herausgegeben. Weitere Informationen finden sich unter: http://peter-nowak-journalist.de/

– 29.11. | 18 Uhr | Lothar Galow-Bergemann: „Arbeit macht unfrei. Zum Zusammenhang von Arbeitsfetisch und Antisemitismus“ | Eckladen der sozialen Kunst, Pestalozzistraße 57, 08523 Plauen

Wer streikt, macht zwei Erfahrungen: Dass es gut ist, sich zu wehren. Und dass, selbst wenn man erfolgreich war, danach doch alles irgendwie beim Alten bleibt. Dass wir lebenslänglich arbeiten-müssen-um-Geld-zu-verdienen-damit-wir-leben-können ist das ungeschriebene, aber höchste Gesetz der bürgerlichen Gesellschaft. Arbeit sei so etwas wie Natur, lautet der allgemeine Konsens. Wer etwas gegen sie hat, gilt als verrückt oder faul, meistens als beides.
Nicht immer wurde die Arbeit so überhöht wie heute. In der Antike hatte sie sogar einen ausgesprochen schlechten Ruf. Mit Beginn der Neuzeit jedoch erfuhr sie religiöse Weihen. Das protestantische Arbeitsethos stand an der Wiege des Kapitalismus. Das Bürgertum, die Arbeiterbewegung und der Nationalsozialismus haben die Arbeit förmlich verherrlicht.
Doch auch wenn es dem herrschenden Bewusstsein noch so uneinsichtig ist: Arbeit und nützliches/ sinnvolles/lustvolles Tätigsein sind zwei Paar Stiefel. Auch ist Arbeit kein „antagonistischer“ Gegensatz zum Kapital. Sie ist vielmehr herrschendes Formprinzip der warenproduzierenden Gesellschaft, deren Ausgangs- und Zielpunkt nicht etwa der stoffliche Reichtum ist, von dem alleine wir leben, sondern die selbstzweckhafte Verwertung des Werts.
Die Insassen dieser Gesellschaft müssen darauf hoffen, dass der Markt ihrer Arbeit Wert bescheinigt. Aus der Arbeit beziehen sie ihre Identität. Obwohl sie lebenslang die Angst begleitet, „wertlos“ zu werden und ins Bodenlose zu stürzen, erscheinen ihnen diese Verhältnisse als natürlich und alternativlos. Läuft nach ihrem Empfinden etwas schief in der Gesellschaft, machen sie vornehmlich „eine falsche Politik“ dafür verantwortlich, ohne die basalen Zwänge der Ökonomie auch nur eines Blickes zu würdigen. Häufen sich allerdings Krisen, Elend, Not und Kriege, so hat das für sie erst recht nichts mit der Herrschaft von Arbeit, Ware, Wert, Markt und Kapital zu tun, sondern ist äußeren Faktoren geschuldet. Ihr Tunnelblick kann dann schnell zu Verschwörungsweltbildern mutieren. Sie phantasieren dunkle Mächte, getrieben von verwerflichen Interessen und böser Absicht, die ihnen an den Kragen wollen. Ihre Identifikation mit der „ehrlichen Arbeit“, die von der „Raffgier“ bedroht wird, entlädt sich schlimmstenfalls im antisemitischen Vernichtungswahn. Nicht ohne Grund stand der perverse Satz „Arbeit macht frei“ über dem Tor von Auschwitz.
Die Nationalsozialisten setzten „die Gierigen“ mit „den Juden“ gleich. Doch auch wer das nicht tut, kann sich in einer gefährlichen Nähe zum Antisemitismus befinden, ohne sich darüber im Klaren zu sein. Eine reflektierte Kapitalismuskritik, die sich wesentlich vom herrschenden Bauch-Antikapitalismus unterscheidet, der Gesellschaftskritik mit Wut auf „gierige Bankster“, „Lügenpack“ und „Lügenpresse“ verwechselt, ist heute nötiger denn je. Zumal sie mit der Kritik der Arbeit beginnt und deswegen einen völlig anderen Blick auf die Dinge werfen kann: Der eigentliche Skandal ist nämlich nicht, dass die gewaltige Steigerung der Produktivität, die wir erleben, nicht jedem einen Arbeitsplatz verschafft, sondern dass wir trotzdem immer mehr und immer länger arbeiten sollen. Schon längst wäre ein besseres Leben für alle mit viel mehr Raum zur persönlichen Entfaltung möglich. Ohne Kapitalismus.

Lothar Galow-Bergemann war Personalrat in zwei Großkliniken. Seine schönsten Arbeitstage erlebte er, wenn er zusammen mit seinen KollegInnen gestreikt hat. Heute schreibt er u.a. in Konkret, Jungle World und auf http://www.emafrie.de.

– 20.12. | 18 Uhr | FAU München „Das Geschäft mit der Gesundheit macht uns krank: ArbeiterInnenkämpfe im Krankenhaus“ | Jugendherberge Alte Feuerwache, Neundorfer Straße 3, 08523 Plauen.

In keinem europäischen Land müssen Pflegekräfte so viele PatientInnen pro Kopf versorgen, wie in der BRD. Mit der Öffnung des Kliniksektors setzte Anfang bis Mitte der 2000er Jahre eine Welle an Privatisierungen ein. Durch die Einführung des DRG Systems 2003, der Fallpauschalen, gerieten die Kliniken untereinander in Konkurrenz und unter Kostendruck, da Liegezeiten verkürzt und Kosten gespart werden sollten. Das führte dazu, dass mehr PatientInnen in kürzerer Zeit versorgt werden sollen, während gleichzeitig ein Personalabbau stattfand. Zwischen 1995 und 2016 wurden 13% der Stellen abgebaut. Laut gewerkschaftlichen Studien fehlen mittlerweile 162.000 Stellen, davon allein 70.000 Pflegekräfte. Dies führte zu einer immensen Arbeitsverdichtung.

Krankenhäuser werden zu Fabriken
Die Klinikkonzerne preschten voraus, indem sie noch mehr Stellen abbauten und ganze Berufsgruppen in tariffreie Lohndumping-Untergesellschaften outsourcten. Die großen, rein auf Profit ausgerichteten Klinikkonzerne Helios Kliniken GmbH, Alskepios GmbH, Rhön Klinikum AG wurden zu Vorzeigemodellen „effizienter“ Wirtschaftsweise und treiben finanziell schlechter gestellte kommunale Kliniken vor sich her. Diese sehen sich wiederum gezwungen, zu den selben Maßnahmen zu greifen wie die Konzerne, um dem ökonomischen Druck standzuhalten. Der Anteil an zu einem Konzern gehörigen Kliniken stieg im Zeitraum von 2002 bis 2013 von 23,7% auf 34,8%.

Das System Helios
Mit der Übernahme des Großteils der Rhön Kliniken durch ihren Konkurrenten Fresenius-Helios wurde Helios 2014 der größte Konzern in Europa und baute 2016 mit der Übernahme des größten spanischen Klinikkonzerns Quironsalud seine Vormachtstellung weiter aus. Gerade Helios ist ein Beispiel, an dem gezeigt werden kann, wie durch völlig überzogene Gewinnerwartungen einhergehend mit Personalabbau auf allen Ebenen aus den Beschäftigten tagtäglich das allerletzte ausgepresst wird. Während die Gewinne steigen, schuftet die Belegschaft tagtäglich über der Grenze ihrer Belastbarkeit. Zusätzlich wird durch straffe Hierarchie und durch ein Klima, geprägt von Einschüchterungen, der Druck immer weiter erhöht.

Gegendruck
Gegen diese Zustände bildete sich nach jahrelangem Brodeln unter der Oberfläche, beginnend mit dem Streik an der Berliner Charite für eine personelle Mindestbesetzung, Gegenwehr. Im Jahr 2017 sollten rund ein Dutzend von der Gewerkschaft verdi auserwählte Betriebe eine tariflich geregelte Mindestbesetzung bzw. eine Entlastung erstreiken dürfen. Neben großen Universitätskliniken wie Freiburg oder Düsseldorf gehörten auch die Helios Amper Kliniken AG Dachau zu den Streikbetrieben. Dort stieß eine streikbereite Belegschaft auf einen unnachgiebigen Konzern, der einen unbefristeten Streik Ende 2017 per einstweiliger Verfügung kurzfristig verbieten ließ. Die verdi brach danach den Arbeitskampf gegen den Willen der Beschäftigten ab.

Der Krankenpfleger Matthias Gramlich ist aktiv in der Unabhängigen Betriebsgruppe am Helios Klinikum Dachau und Mitglied der Freien ArbeiterInnen Union in München. Er wird über die Arbeitsbedingungen in einem Klinikkonzern, die Erfahrungen aus dem Arbeitskampf, sowie selbstorganisierte betriebliche Strukturen berichten, und das Modell des sozialpartnerschaftlichen Ansatzes der DGB Gewerkschaften einer grundlegenden Kritik unterziehen.

[ssba]